Ausgangspunkt von Entwicklungen in Richtung «Sorgender Gemeinschaften»

Darstellung der wesentlichen Begründungszusammenhänge

Die Entwicklung «Sorgender Gemeinschaften» (SG) wird vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und dem demografischen Wandel, in den sozialpolitischen Fachdiskursen, als Möglichkeit zur Bewältigung der sozialen Herausforderungen diskutiert. Als soziale Herausforderungen gelten der demographische Wandel, d.h. die Alterung der Gesellschaft sowie die damit im Zusammenhang stehenden gesellschaftlichen Veränderungen.

 

Im Vordergrund steht dabei die Gesellschaft des langen Lebens. Seit einigen Jahren ist klar, dass die Menschen älter werden als frühere Generationen es erwarten konnten. Man geht derzeit davon aus, dass die Menschen tendenziell länger bei guter Gesundheit älter werden, aber auch, dass sie früher oder später mit Einbussen und Einschränkungen leben müssen {Stöckl 2016 #21D}.

 

Die Gestaltung dieser neuen Realitäten sei für die Gesellschaft als Ganzes wie auch für Individuen und Gruppen noch auszuhandeln. Letztlich gehe es um Fragen der Gestaltbarkeit und Gestaltung einer Gesellschaft des langen Lebens. Es betreffe daher nicht nur Alte oder das Alter, sondern tangiere auch das gesamte soziale Gefüge einer Gesellschaft, das Verhältnis der «Generationen» ebenso wie familiäre Beziehungen, institutionelle Settings oder generationale Selbstverständlichkeiten (Stöckel, ebd.).

 

Der Altersbericht des Kantons Bern

Der Umgang mit dem gesellschaftlichen und demographischen Wandel erfordere deshalb sowohl von Seiten der Gesundheits- und Sozialpolitik wie auch von der Gesellschaft neue zukunftsfähige Ansätze. Dies wird auch im Altersbericht (2016) des Kantons Bern entsprechend gefordert.

 

Im Altersbericht 2016 wurde der Begriff «Caring Community» erstmals aufgenommen: «Caring Community» ist ein international verwendeter Begriff aus der Gerontologie, der aussagt, dass Care, die Sorge um andere Menschen, in die Community, in die Gemeinschaft, gehört. Care ist demnach die Aufgabe einer ganzen Gemeinschaft. Die Alterung der Bevölkerung und der steigende Anteil alter Menschen in der Gesellschaft erfordert aus gerontologischer Sicht eine neue Kultur des Sich-Sorgens {Alterspolitik im Kanton Bern 2016 #12D: 13}.

 

Der im Altersbericht erwähnte englische Begriff «Caring Community» ist gleichbedeutend wie der deutsche Begriff «Sorgende Gemeinschaft» respektive «Sorgende Gemeinschaften».

 

Die gesellschaftlichen Veränderungen erfordern neue Sorge-Modelle

  • Die Alterung der Gesellschaft, respektive der Gesellschaft des langen Lebens. Entsprechend der demographischen Entwicklung wird die Bevölkerung im Rentenalter in allen Kantonen in den nächsten 30 Jahren stark wachsen. Sie dürfte in nahezu allen Kantonen um über 50 Prozent zunehmen (Bundesamt für Statistik 2016).
  • Die WHO, OECD und das Bundesamt für Gesundheit gehen davon aus, dass die Anzahl der chronisch kranken Menschen in der Schweiz zunehmen wird. Die Zunahme steht im Zusammenhang mit demografischen Veränderungen (weitere Zunahme der betagten und hochbetagten Bevölkerung), mit dem medizinisch-technischen Fortschritt und mit veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen, die einen negativen Effekt auf wichtige Risikofaktoren haben (Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.) 2015, S.31).
  • Verbunden mit der demographischen Entwicklung und der zunehmenden Häufigkeit chronischer Krankheiten (inkl. Multimorbidität) entsteht ein wachsender Pflege- und Betreuungsbedarf, was voraussichtlich zu einem Pflegekräftemangel, insbesondere im Bereich der Langzeitversorgung führt. Es besteht Handlungsbedarf bei der Bereitstellung der nötigen Pflege- und Betreuungskapazitäten (Obsan Bulletin 13/2016).
  • Die Veränderungen in den traditionellen Formen von Gemeinschaften durch Individualisierung, Mobilität, fehlende Möglichkeiten zur Familien- und Angehörigenpflege. Wer keine familiäre Unterstützung erfährt, muss auf neue Formen der Betreuung und Pflege zurückgreifen können.
  • Die Wünsche und Ansprüche der Babyboom-Generation an die Lebensgestaltung im Alter. Die meisten älter werdenden Menschen haben den Wunsch, möglichst lange in dem vertrauten, privaten Rahmen wohnen zu bleiben, in dem sie in der mittleren Lebensphase heimisch geworden sind. Hier möchten sie auch im Alter möglichst lange selbstständig ihr Leben gestalten (Rüegger 2014, S.4). Die Frage ist, wie dem Wunsch entsprochen werden kann, trotz Hilfsbedürftigkeit in der vertrauten Umgebung zu bleiben.
  • Da heute meist auch die Frauen berufstätig sind besteht die Forderung nach einer fairen Aufgabenverteilung der Sorge-Aufgaben (Demokratisierung der Sorge, im Sinne von Joan Tronto)

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